Willkommen auf der Heimatseite

von Hagen Liebing & The Incredible Hagen

Hallo Leuts!

Nachdem ich in Eisenhüttenstadt die letzte Lesung zu meinem Buch gehalten habe – und auf dem Weg dorthin beinahe in Warschau gelandet wäre, weil die Straßenkarte gerade nicht zur Hand war  – gibt es hier zur Abwechslung mal ein Interview, das am 13. November in der „Borkener Zeitung“ erschien und von André Hagel geführt wurde..     

                                                                                  

JugendSzene: Deine literarische Rückschau auf die Zeit mit den „Ärzten“ ist von großer Gelassenheit geprägt – aber jetzt mal ehrlich: Wurmt es dich nicht manchmal, heute nicht mehr dabei zu sein?

 

Hagen Liebing: Es wurmt mich nicht. Diese Gelassenheit habe ich wirklich. Was sollte mich da auch wurmen? Das ist alles so lange her, entsprechend ist auch der Abstand dazu: Meine aktive „Ärzte“-Zeit liegt 15 Jahre zurück – wenn ich es nicht geschafft hätte, Abstand zu entwickeln, dann hätte ich echt ein Problem.

 

JugendSzene: Die „Ärzte“ waren Ende der 80er Jahre gut in Fahrt. Dann gingen sie plötzlich von 150 auf null, machten den Laden dicht. 1993 rollte die Band wieder an, und rollt und rollt und rollt seitdem. Wie der VW Käfer. Aber ohne dich.

 

Hagen Liebing: Ja, aber gerade wenn man den Abstand zu den Dingen hat, kann man erkennen, dass man nur einen Teil der Zeit mit im Käfer gesessen hat und muss das auch akzeptieren können. Mir war damals klar, dass nicht ich der entscheidende Teil in dieser Band war – das waren Jan und Dirk.

Mich hat bei dem Neustart der „Ärzte“ letztlich der Umstand ins Herz gestochen, dass ich so spät davon erfahren habe. Wenn du das aus der Zeitung erfährst, bist du vor den Kopf gestoßen. Das ist so, als wenn ein Fußballer in der Zeitung liest, dass er nicht mehr in der Mannschaft ist, und der Trainer hat ihm vorher nichts gesagt.

 

JugendSzene: Hast du später versucht, die Gründe hierfür mit Jan und Dirk zu klären?

 

Hagen Liebing: Wir haben später darüber gesprochen. Jan und Dirk waren etwas misstrauisch: Ich war in der Zwischenzeit Musikjournalist geworden, und sie wollten vermeiden, dass das geplante Comeback vorher publik wird. Aber das war für mich nur noch ärgerlicher, denn sie hätten darauf vertrauen können, dass ich alles für mich behalte.

 

JugendSzene: Für dein Buch „The Incredible Hagen – Meine Jahre mit ‚Die Ärzte‘“ hast du unter anderem ausgiebig deine alten Tourtagebücher gewälzt. Kommt da die pure Nostalgie über einen, wenn man in den Keller der eigenen Vergangenheit hinabsteigt?

 

Hagen Liebing: Wenn man nostalgisch ist, dann hängt man an den alten Sachen, und das ist bei mir nicht der Fall. Die Vergangenheit ist mir schon sehr lieb, aber nicht in dem Sinne, dass ich jetzt darauf angewiesen wäre.

Ich war allerdings sehr überrascht, als ich mich an die Arbeiten zu meinem Buch machte: Du kannst an Sachen, die in Tagebüchern stehen, neben ein paar Highlights, die man immer im Kopf behält, auch Alltäglichkeiten ablesen. Solche Dinge vergisst oder verdrängt man oft, weil sie schnell überlagert werden. Wenn man so etwas noch einmal liest, dann ist das schon mitunter amüsant. Das hatte ich gar nicht erwartet, als ich damit anfing, die „Ärzte“-Tourtagebücher für mein Buch auszuwerten. Ich lese zwar unheimlich gerne Biografien – aber eben nicht meine eigene, denn die kenne ich ja.

 

JugendSzene: Machen wir mal einen Sprung ins Heute: Wie beurteilst du die Post-Hagen-Liebing-„Ärzte“ in musikalischer Hinsicht? Sie haben ja nach ihrem Neustart eine enorme Entwicklung durchlaufen, gerade auch musikalisch.

 

Hagen Liebing: Als ich die „Ärzte“ kennen lernte, sind sie schon vor Ideen übergequollen. Damals hatten sie aber sicher von ihrer Erfahrung her, von ihren Fähigkeiten und vielleicht auch von den produktionstechnischen Möglichkeiten her nur ein relativ eingegrenztes Spektrum. Mittlerweile ist es so: Sie können alles. Und sie machen auch alles. Das ist wirklich Wahnsinn. Die „Ärzte“ sind eine Band, die sich nicht festlegen lässt. Sie sind sehr vielseitig – in einem positiven Sinne, nicht in dem Sinne, dass sie allem hinterher spielen: Sie können sich alles zueigen und daraus einen „Ärzte“-Song machen. Das ist eine große Kunst, finde ich.